Recensies

CD-recensie: Bachmotetten

17.05.2008

Matthias Lange, 8 mei 2008, op Klassik.com

Die Motetten Johann Sebastian Bachs sind ein musikhistorisch so gewichtiger Bestand, fast eine eigenständige Größe des Repertoires, dass sie ganz selbstverständlich immer wieder zur Aufführung kommen und potente Ensembles und ambitionierte Dirigenten immer wieder neu reizen. Auch der in der Vergangenheit mit etlichen ambitionierten Aufnahmen hervorgetretene, traditionsreiche Niederländische Kammerchor und der noch junge Dirigent Peter Dijkstra haben sich der Herausforderung gestellt und den klassischen Kanon der sechs Motetten aufgenommen.

Dijkstra ist auf dabei erklärtermaßen auf die maximale Gesanglichkeit der vokalen Linien orientiert und lehnt in seinem Booklettext eine eher oder rein instrumentale Auffassung der Vokalmusik Bachs dezidiert ab. Das schlägt sich grundsätzlich positiv in der Wahl der Tempi nieder, die – von Ausnahmen abgesehen – im unteren Rahmen angesiedelt sind. Die Version der Motetten, die Dijkstra und der Kammerchor auf der vorliegenden Platte liefern kann zunächst als uneingeschränkt gültige Interpretation bezeichnet werden. Für weitere Beobachtungen müssen wir uns ein wenig ins Detail begeben.

Einzelaspekte

Die Eingangssätze der Motetten ‚Der Geist hilft unser Schwachheit auf’ BWV 226 und ‚Singet dem Herrn ein neues Lied’ BWV 225 gestaltet Dijkstra tänzerisch und mit einer gewissen Eleganz. Das ist deutlich angemessen und korrespondiert mit dem leichten und selbstverständlich-lockeren Klang des Kammerchors. Mit den schlanken,
gleichwohl deutlich an einem Chorideal orientierten Registern gelingt auch die technisch anspruchsvolle Fuge‚ Die Kinder Zion’ in BWV 225 geradezu idealtypisch: Selten war sie so optimal ausgewogen und differenziert zu hören wie in der vorliegenden Aufnahme.

Kernstück jeder Platte mit Bach-Motetten ist jedoch ‚Jesu, meine Freude’ BWV 227. Und auch hier funktioniert der Ansatz Dijkstras zunächst: Die Choräle werden ohne drückende Last gesungen, das Stimmengewebe ist klar und durchsichtig gestaltet. Einige Wiederholungen und im Ausdruck reduzierte Passagen in Abgrenzung vom Chorklang solistisch musizieren zu lassen, ist möglich, wenngleich dem Manierismus-Verdacht ausgesetzt. Aber immer dann, wenn es textlich deutlich dramatischer wird, etwa in der zweiten Choralstrophe, reicht der Wohlklang des Chores nicht an die Tiefen des Textes heran: Es wird sehr akribisch und gut präpariert musiziert – aber es kracht und blitzt eben gerade nicht, auch das trotzige Widerstehen im Angesicht des alten Drachens klingt elegant und schön, aber nicht wirklich dramatisch, geschweige denn existenziell. Das Klangbild ist auf die Mitten konzentriert. Damit fehlt gelegentlich die letzte Klarheit. Ebenfalls von Zeit zu Zeit problematisch ist der Umstand, dass das Continuo den Chorklang immer wieder einhüllt und im stärkeren dynamischen Bereich gar klanglich eigenständig hervortritt.
Noch ein Wort zur Bookletbewertung: Obwohl Texte und Gestaltung ansprechend und angemessen sind, gibt es doch einen unverzeihlichen Mangel: Auf der Rückseite des Covers hat der Rezensent schon bei flüchtigem Lesen in den Titelangaben der Motetten allein drei Druckfehler gefunden – es sind auch diese scheinbaren Kleinigkeiten, die wirklich überzeugende von ganz großen Platten unterscheiden.
Dijkstra und der Niederländische Kammerchor haben eine schlüssige Interpretation der Motetten Johann Sebastian Bachs vorgelegt, die ihre Stärken in einer agilen Leichtigkeit und Eleganz hat und damit über weite Strecken deutlich überzeugen kann.

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